Inkompatibel
Ich bin mir ehrlich gesagt nicht ganz sicher, warum ich auf diesem
Planeten gelandet bin. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass es
Sinn macht, dass ich an einem Ort existiere, an dem es Fahrräder
gibt. Ich fühle mich zunehmend inkompatibel mit dieser technischen
Errungenschaft.
Das liegt eigentlich weniger an der Tatsache, dass ich grundsätzlich
unfähig bin langsam zu fahren. Eventuelle Begleitung gesteht mir
hechelnd am Ende der Fahrt, dass ich die Sache doch etwas zu flott
angehe. Fahre ich allein, dann erreiche ich meinen Zielort meist nur
mit maximalem Durchfluss aus allen Schweißdrüsen und nass
durchtränktem T-Shirt.
Nein, das Problem ist, dass die Dinger im Allgemeinen versuchen meine
Gegenwart zu meiden. Selbst wenn sie mir rechtmäßig gehören. Am
erfolgreichsten war dabei mein Vehikel in Heidelberg.
Ich bin von Natur aus notorischer Fußgänger und benutze das Fahrrad
eigentlich nur dann, wenn ich schnell irgendwo ankommen muss. An
irgend einem Abend an den ich mich im Nachhinein nicht mehr wirklich
erinnern konnte, muss ich es damals in Heidelberg wohl eilig gehabt
haben. Ob nun Party oder Kneipe oder was auch immer an diesem Abend
geschah, zum Ende des Abends war ich wohl deutlich gelöster als zu
Beginn. Und bin völlig entspannt nach Hause gegangen.
Irgendwann zwei Wochen später habe ich dann begonnen mich zu fragen,
wo eigentlich mein Fahrrad ist. Leider gab es bei der versuchten
Rekonstruktion der Zusammenhänge einfach keine ausreichende Menge an
Hinweisen mehr. Mehr als ein paar wahrscheinliche Orte abzusuchen ist
mir nicht geblieben. So steht wohl heute noch irgendwo in Heidelberg
ein verwaistes, violett-schwarzes Damen-Rad, das sich diebisch freut
seinem Herrchen entkommen zu sein.
Nun fahre ich in Hamburg seit zwei Monaten wieder Fahrrad und es kommt
wie es kommen muss: Dienstag Abend nach Transit bricht mir mein
Schlüssel im Schloss ab. Klare Verweigerungstaktik von Seiten meines
Fahrrades. Ich weiß auch nicht, was ich ihm getan habe. Es redet
einfach nicht mit mir.
Ich überlege noch kurz, ob ich Merlix zu Hilfe rufen soll. Schließlich
kommt der mit seiner Herzdame klar und sollte doch eigentlich mit
allen Wassern gewaschen sein. So ein bockiges Fahrrad ist nix für
den. Aber er verschwindet schon als ferner Schatten um die nächste
Ecke.
Also bleibt mir nichts, als mein Gefährt einsam auf der Schanze
nächtigen zu lassen. Kann mir schon denken, wie es die ganze Nacht
sehnsüchtig auf einen gierigen Langfinger wartet, nur um mir zu
entkommen. Aber nicht mit mir. Und es braucht auch nicht zu glauben,
dass es noch gut genug aussieht, um einfach so jeden Kerl abschleppen
zu können.
Und ich komme wieder. Den nächsten Tag mit schwerem Gerät. Naja, einer
kleinen Zange. Um das Schlüsselblatt aus dem Schloß zu befreien. Und
mein eigen Hab und Gut wieder fröhlich nach Hause zu fahren, nachdem
ich das Schloss mit meinem Zweitschlüssel geöffnet habe. Dem
Zweitschlüssel. Genau dem Zweitschlüssel, den ich in aller Hektik zu
Hause vergessen habe.
Da stehe ich nun mit meiner kleinen Zange auf der Schanze und
realisiere, dass eine Zange einfach kein Bolzenschneider ist. Dass ich
mal wieder verloren habe. Und bin mir sicher, dass es Absicht ist. Ich
selbst kann einfach nicht so blöd sein, dass ich die Zange mitnehme
und den Schlüssel vergesse. Nein, so blöd kann ich nicht sein, will
ich nicht sein,... es muss das Fahrrad sein.
Ob es heute noch da steht? Bekomme ich eine zweite Chance? Oder ist es
fremd gegangen? Ich befürchte das Schlimmste und beginne einen
generellen Hass auf Fahrräder zu entwickeln.
Aber manchmal, manchmal habe ich das Gefühl es liegt an mir. Manchmal,
wenn z.B. die Nachtschwester mich als Apraktiker bezeichnet, dann
denke ich, ich brauche Hilfe.
Aber ach, was soll ich mir Gedanken machen. Solange mich meine Füße
noch tragen. Und ich mir kein Auto kaufe.
Posted at: 09:48 |
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