Abgewendet
Irgendwann Abends. Dir bleiben ein paar Minuten auf diesem Bahnsteig. Umsteigen in Altona. Die Hände in den Taschen vergraben wanderst Du ziellos zwischen den vergitterten Süßwaren und der Bahnsteigkante hin und her.
Du nimmst das Pärchen nur am Rande wahr. Wie sie da so gegen die Plakatwand gelehnt stehen. Irgendwie in Umarmung. Nur wie sein Arm um sie gelegt ist, das stimmt nicht ganz. Und fordert Deinen zweiten Blick.
Seine Hand ist verkrampft in ihr Genick gepreßt, hält sie im harten Griff und presst sie mit der Wange gegen die Wand. Seine Augen sind zu Schlitzen verengt. Und er giftet sie an: "Warum machst Du das, eh? Warum machst Du das?"
Sie weint nur. Was sie sagt kannst Du nicht verstehen. Er zieht sie nach vorne, seine Gesicht entgleist verzerrt und er spuckt ihr eiskalt ins Gesicht. Mit Verachtung.
Als Du zwei Schritte auf ihn zugehst, schaut er Dich an. Der gleiche Blick. Er braucht das "Komm nur" nicht auszusprechen. Gesicht und Körper sprechen mehr als deutlich. "Komm nur, wenn Du meinst Dich hier einmischen zu müssen."
Aber er lockert seinen Griff. Lässt sie los. Sie befreit sich, wendet den Kopf. Tränen und Spucke laufen ihr die Wangen hinunter. Sie wischt sich einmal fahrig mit dem Ärmel über das Gesicht. Und bleibt. Sie bleibt stehen, unternimmt nichts.
Und so verharrst Du. Bleibst stehen und lässt nur den Blick hinter beiden her wandern.
Irgendwann Abends. Dir blieben ein paar Minuten auf diesem Bahnsteig. Dir ist eiskalt.
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